wmm

Wie internationale Freundschaften das Leben bereichern: Ein Beitrag zum internationalen Tag der Freundschaft

Es handelt sich um zwei nebeneinander gelegte Fotografien von jeweils zwei Personen: auf dem ersten Bild sind Emma Kraushaar und Selen Aydogan auf einer Brücke vor einem bewaldeten Hintergrund zu sehen. Das zweite Bild zeigt Bérénice Lamboux-Durand und Tim Georgi.
Zwei Mal zwei deutsch-französische Freundschaften: Emma und Selen, Bérénice und Tim © Privat

 

Ein Studiengang der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) klingt nach einer guten Möglichkeit, Personen aus dem Partnerland kennenzulernen. Dieser Meinung sind auch Selen und Emma, Bérénice und Tim, Studierende der Deutsch-französischen Studien (DFS) zwischen Saarbrücken und Metz im Bachelor und Master. Doch wie genau gestaltet sich der Kennenlernprozess? Was vereinfacht die Begegnungen? Welche Hindernisse gibt es – und welche Rolle spielen dabei kulturelle Unterschiede? Die Studierenden berichten.

Zwischen Hörsaal und Kultur: Wie deutsch-französische Studiengänge Freundschaften entstehen lassen

Zur Frage, was Begegnungen mit den Mitstudierenden aus dem anderen Land vereinfacht, sind sich alle einig: die Struktur des DFH-Studiums an sich. So verbringen beispielsweise die Studierenden des Bachelors Deutsch-Französische Studien das erste Jahr an ihrer jeweiligen Heimatuniversität. Ab dem zweiten Jahr sowie für das gesamten DFS-Masterstudium studieren alle jeweils gemeinsam an den verschiedenen Partnerhochschulen. So treffen sie ganz automatisch auf Personen aus dem anderen Land.

Hinzu kommen die unterschiedlichen Hochschulsysteme, die auf die eine oder andere Art das Kennenlernen begünstigen: In Frankreich besuchen die Studierenden die meisten Kurse gemeinsam – ideal für ein intensives Kennenlernen. In Deutschland hingegen ist die Kurswahl freier, wodurch die sozialen Zirkel größer werden: „Wir können auch außerhalb des Bachelorstudiengangs, aber im gleichen Studienbereich, andere Leute treffen, die ebenso am Franco-allemand interessiert sind“, betont Bérénice.

Darüber hinaus ist es möglich, innerhalb des Jahres im Partnerland die jeweils andere Kultur hautnah zu erleben und gemeinsam mit den Kommiliton*innen zu entdecken. „Das ist der große Vorteil binationaler Studiengänge“, meint Tim, „dass man viel Zeit in denselben Seminaren verbringt, dass man einen gemeinsamen Campus hat, dass es bei praktischen Fragen immer eine gegenseitige Unterstützung gibt.“

Freundschaft: international ähnlich oder national unterschiedlich?

Nach dem ersten Kennenlernen entstehen schnell Freundschaften. Doch was heißt das eigentlich – Freundschaft? Selen und Emma sind sich, was das angeht, relativ einig. Beide heben Qualitäten wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit oder Unterstützung in schwierigen Zeiten hervor, um eine wahre Freundschaft zu beschreiben. Für Selen spielt dazu die emotionale Reife eine wichtige Rolle, denn: „um eine Freundschaft aufrechtzuerhalten, muss man einen gewissen Grad an Reife haben“. Laut den Studierenden sollte man bereit sein, Arbeit in die Freundschaft zu investieren, aktiv zu werden – und lernen, auf den anderen zuzugehen.

Das sehen Bérénice und Tim sehr ähnlich. Weitere wichtige Elemente, die eine Freundschaft ausmachen, sind für sie eine gemeinsame Wertebasis und Humor. Bei dem Stichwort „gemeinsame Interessen“ gehen ihre Meinungen allerdings etwas auseinander. Das illustriert einen kulturellen Unterschied, der ohne ihre Freundschaft vielleicht unentdeckt geblieben wäre: Laut Bérénice ist es auf französischer Seite gar nicht so wichtig, ob gemeinsame Interessen vorhanden sind oder gemeinsam etwas unternommen werden kann. Für sie steht allein der Austausch und die zusammen verbrachte Zeit im Vordergrund. Die deutsche Perspektive ist dagegen eher pragmatisch – „man trifft sich, um etwas zu machen“, erläutert Tim.

Wozu sich die Studierenden genau verabreden, variiert unter Umständen von Kultur zu Kultur. Selen und Emma stellen fest: Während auf französischer Seite ein „Apéro“ ein Anlass sein kann, sich zu sehen und auszutauschen, ist dies in Deutschland eher Kaffee und Kuchen.

Was Unterschiede zwischen Freundschaften in Deutschland und in Frankreich angeht, hat Bérénice eine weitere interessante Beobachtung gemacht: Ihrer persönlichen Erfahrung nach verläuft das Kennenlernen bei französischen Personen deutlich kürzer als bei Deutschen. Sie fasst zusammen: „In Frankreich öffnet man sich sehr schnell, man redet sehr schnell über alles. Vielleicht ist das auch zu verallgemeinernd, aber mit Deutschen fiel es mir manchmal schwerer – es dauerte einfach länger, bis wir uns näher kennengelernt haben.“

Über Grenzen hinweg befreundet: Nicht immer einfach

Interkulturelle Unterschiede stehen den Freundschaften von Tim und Bérénice, Selen und Emma nicht im Weg. Trotzdem gibt es Aspekte, die laut den Studierenden in einer grenzüberschreitenden Freundschaft eine größere Rolle spielen. Oft erwähnen sie das Thema Sprache: DFH-Studierende besitzen zwar sehr gute Kenntnisse in Deutsch und in Französisch und werden auch im Laufe ihres Studiums dahingehend unterstützt. Dennoch kann es sich in manchen Momenten als hinderlich erweisen, wenn man nicht die gleiche Muttersprache hat: „Auf Deutsch drücke ich mich viel flüssiger aus; es fällt mir leichter, Gedanken miteinander zu verknüpfen oder Argumente auszuarbeiten, während ich auf Französisch zwar ungefähr dieselben Gedanken habe, sie aber nicht mit derselben Präzision formulieren kann“, erklärt Tim. Gleichzeitig ist die beidseitige Mehrsprachigkeit ein großer Vorteil, da man in seine Muttersprache zurückwechseln kann und trotzdem verstanden wird. In solchen Momenten lernt man viel mehr über die Sprachen selbst, als man es im Unterricht je tun würde.

Eine weitere Hürde stellt die geographische Distanz dar. Während des Studiums befindet man sich größtenteils am gleichen Ort oder steht inhaltlich miteinander in Kontakt. Doch was passiert danach? Darauf reagieren die Studierenden eher gelassen. Sie betonen, dass eine Freundschaft nicht davon abhängt, ob man sich am gleichen Ort befindet oder nicht. Stattdessen kommt es wie bei jeder Beziehung auf die Motivation und die Arbeit an, die man dafür aufbringt. Laut Emma kann die Entfernung für einige sogar einen positiven Effekt haben: Freund*innen fühlen sich eher verantwortlich, sich zu melden und an der Freundschaft festzuhalten. Selen fasst es kurz und knapp zusammen: „Wenn man will, dann schafft man das auch!“

Studiengänge der DFH – ein Plus für Freundschaften

Die abschließende Frage, ob sie einen DFH-Studiengang unter dem Aspekt der zwischenmenschlichen Beziehungen weiterempfehlen würden, beantworten alle Studierenden mit Ja. Die meist kleinen Gruppen ermöglichen es, sich sehr schnell sehr gut kennenzulernen und viel Zeit miteinander zu verbringen. Dadurch entsteht in kurzer Zeit ein „Familiengefühl“. Zusätzlich bieten die DFH und die Studiengänge selbst viele Möglichkeiten an, sich zu vernetzen und andere Leute kennenzulernen. Wie genau das an den einzelnen Universitäten umgesetzt wird, kann allerdings sehr unterschiedlich sein. Die Angebote allein sind deshalb kein Garant für ein erfolgreiches Sozialleben, stellen die zwei Freundespaare klar – und bringen an der einen oder anderen Stelle Verbesserungsvorschläge an. Beispielsweise könnte an der Gestaltung der sprachpraxisorientierten Kurse auf französischer Seite noch mehr auf Zusammenarbeit gesetzt werden, findet Tim.

Weltoffenheit, Aufgeschlossenheit, Toleranz: dies sind nur einige Worte, um den Mehrwert zu bezeichnen, den eine internationale Freundschaft laut den Studierenden bietet. Indem man Personen aus anderen Kulturen besser kennenlernt, begegnet man neuem Wissen über den Kulturraum selbst. Man lernt die Systeme – sei es das Hochschulsystem, oder aber die politischen und sozialen Zusammenhänge – besser kennen und schätzen und nimmt neue Perspektiven ein. Dabei fällt es leichter, weniger zu urteilen und offener für andere Wege und Sichtweisen zu sein. Mit den Worten von Bérénice: „Ohne deutsche Freunde hätte ich bestimmte Verhaltensweisen eher verurteilt, während ich jetzt einfach weiß, dass es anders ist und dass das normal ist. Indem ich die Meinungen besser verstehe, kann ich auch das System besser verstehen. Ich kann bestimmte Dinge besser verstehen, bestimmte kleine, interkulturelle Nuancen, die mir ohne diese Freundschaft wohl entgangen wären.“

[COOKIE_NOTICE]